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Von der Sinnlichkeit der Animation von Friedrich Streich

Eine gezeichnete Figur wie die Maus braucht eine Physiognomie. Und sie braucht Charakter und Persönlichkeit. Erst dann beginnt sie zu leben, wirkt interessant und überzeugend, auch wenn sie graphisch angelegt ist und abstrakte Dinge tut. Die Figur muss etwas Besonderes, etwas Persönliches haben, das sie dem Zuschauer sympathisch macht, damit er sich mit ihr identifizieren kann. Handlungen allein und schöne Bilder reichen dazu nicht aus. Es ist zum Beispiel wichtig, wie die Maus etwas macht und nicht nur, dass sie etwas macht.

So ist das Eigentliche an der Arbeit eines Filmzeichners nicht einfach nur das Zeichnen, sondern die Fähigkeit, in die vielen Einzelzeichnungen soviel Geist und Ausdruck zu legen, dass seine Figuren zu handelnden Personen werden, und sich "lebendig" bewegen.

Das Gefühl für einen lebendigen Bewegungsablauf ist ein entscheidender Faktor der Animation. Animation, ein Wort aus dem Englischen, für das es im Deutschen keine entsprechende Bezeichnung gibt, nennt man das "Beleben" der Zeichnungen. Darunter versteht man den gesamten Vorgang, der beim gezeichneten Film nötig ist, um mit starren Figuren überhaupt eine Bewegung oder Handlung ausdrücken zu können. Man gebraucht das Wort Animation sowohl für eine Reihe von Zeichnungen, die einen Handlungsablauf ergeben, als auch für die Bewegung selbst, die dann später auf der Leinwand entsteht.

Die Animation ist die erste und wichtigste Arbeit bei der Herstellung eines Zeichentrickfilms. Mit ihr wird die Art der Bewegung, Tempo und Rhythmus festgelegt.
Die Originalität und Faszination, Witz und Sympathie einer Figur steht und fällt mit der Animation.

Der Animator muss ein intuitives Gespür für Persönlichkeit und Charakter besitzen. Der Phasenzeichner ist der Schauspieler. Er muss sich in die Figur versetzen, sie gefühlsmässig nachempfinden können. Etwas vom Charakter, von der Natur des Animators fliesst immer auch in seine gezeichneten Geschöpfe ein. Seine persönliche Handschrift prägt die Figur und gibt ihr Stil. Das ist die Sinnlichkeit der Animation.

Bei dieser intensiven Beschäftigung mit der Figur habe ich mich schon dabei erwischt, dass ich mich beim Entwerfen eines mimischen Ausdrucks ganz in die Maus versetzte. So wie ein Regisseur emotional mit seinen realen Schauspielern mitgeht, habe ich beim Zeichnen unbewusst mein Gesicht verzogen und so den Gesichtsausdruck der Maus physisch nachempfunden, um ihn besser zeichnen zu können. Wenn mich jemand bei meiner Arbeit beobachtet und meine Grimassen gesehen hätte, wäre er bestimmt der Meinung gewesen, dass ich übergeschnappt sei.

Ganz bewusst machen wir dann und wann auch Schritte durch das Atelier, gehen mit komischen Verrenkungen auf und ab und beobachten dabei unsere Glieder. Diese „Studien“ sollen uns helfen, im Ablauf schwierige Bewegungen genauer entwerfen zu können, sie gewissermassen "nach der Natur" zu zeichnen. Wahrscheinlich haben deshalb Leute schon behauptet, die Maus bewege sich genauso wie ich, beziehungsweise, ich hätte die gleichen Bewegungen wie die Maus.

 © Friedrich Streich, „10 Jahre mit der Maus“ / März 1981

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